Über das Umdenken

Rethink von Michael Coghlan CC-by-sa 2.0 Rethink von Michael Coghlan CC-by-sa 2.0

Wir denken uns die Technik gerne als Werkzeug, als eine fortschreitende Entwicklung und Verbesserung: Wir haben ein Problem und die Technik löst es. Doch mal ehrlich, für welches explizite Problem hat man das Internet entwickelt? Welche Not sollten Smartphones lindern? Und moderne Medien?

Sie befriedigen doch alle nur ein allgemeines Bedürfnis: Den Wunsch nach Unterhaltung. Er ist Uralt und war nie eine Not, nie ein Problem. Der Mensch hat es immer geschafft sich irgendwie zu unterhalten und wenn es dadurch geschah, dass er neue Formen der Unterhaltung entwickelt hat. Angefangen mit dem Gespräch, über Mythen, Legenden, Geschichten, bis zum Roman, bis zum Film, der Serie und dem Computerspiel. Über Jahrtausende das selbe Bedürfnis und die selbe Kritik. Vom garstigen Ehemann, der die Geschwätzigkeit seiner Frau rügt bis hin zur Businesswoman die die Daddelei ihres Sohnes kritisiert. Natürlich ist jede neue Unterhaltungsform überflüssig und natürlich brauchen wir sie trotzdem ganz dringend.

Doch was heißt das für eBooks? Für Bücher und Literatur allgemein?

Es heißt, dass wir die Digitalisierung des Buches nicht als logische Weiterentwicklung denken dürfen. Der Film war ein Bruch mit dem Theater, keine Weiterentwicklung. Jazz, House, Rap, sie sind keine Weiterentwicklungen ihrer Vorgänger, sie sind durch Brüche entstandene Variationen. Bücher zu eBooks zu konvertieren ist müßig, es ist wie das digitalisieren von Schallplatten, man raubt den Charme des Originals und erreicht die Möglichkeiten der Digitalform nicht.

Das Buch kann man nicht in den Computer quetschen, auf Rechnern blättert man nicht, mit Handys sitzt man nicht stundenlang vor dem Kamin. Wenn man digitale Literatur schaffen will, darf man die Technik nicht instrumentalisieren, man muss sie zum Selbstzweck erklären. Man darf nicht schauen, wo man das gedruckte Buch verdrängen kann, sondern überlegen, wie sich die Textform als Unterhaltung gegen das bunte Flirren der Multimediawelt durchsetzen kann. Denn was ist denn nun unser Kulturgut? Das Papier, oder die literarische Form? Wir müssen aufhören das Papier als Medium zu betrachten und uns alles andere anschauen was zwischen dem gedruckten Wort und der kulturellen Aussage liegt, wie vermittelt uns das Papier Gedanken, Ideen, Empfindungen? Und wie tut es das Internet? Was reizt uns an dem kleinen Display eines Handys? Statt zu argumentieren wieso sich bestimmte Techniken nicht zum Lesen eignen, sollten wir uns anschauen wie heute gelesen wird, den unsere Tradition ist doch nicht das drucken von Worten auf Papier, sondern die Vermittlung von Inhalten in Textform und die haben wir schon immer variiert; kürzer, länger, gereimt, in Fischform. Jetzt eben in Bytes, Links, Tweets, Blogs, wo ist das Problem?

Unsere Fragestellung darf keine banale Versionsnummer eines Formats sein, wir müssen herausfinden, wie die Literatur auch in der digitalen Zeit den Menschen Gedanken und Gefühle vermitteln kann. Und diese Frage ist nicht neu, in den letzten 100 Jahren wurde sie immer wieder von Regisseuren, Drehbuchautoren, Designern und Spieleentwicklern beantwortet. Und nach 100 Jahren ist sie endlich wieder zu ihrem Ursprung zurückgekommen, mit dem Internet stellt sie sich zum ersten mal wieder dem Autor, dem Textschaffenden.

Also los, ihr Literaturexperten, ihr habt die längste Tradition, die größten Vorbilder, das mächtigste Werkzeug, sogar das einzige Werkzeug, was von der Technik nicht beschnitten wird. Vergesst das bisherige, fragt euch mit welcher Textform ihr die Menschen auch in Zukunft erreichen wollt! Wie muss Literatur aussehen, die auf Handys gelesen wird, die Pushmitteilungen senden kann und In-App-Käufe erlaubt. Wie muss Literatur aussehen die sich gegen Youtube, Facebook, Twitter und Wattpad durchsetzt.

Hört auf es drucken zu wollen, fangt an es neu zu erfinden!

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  1. Ich nenne es Dembelo | type:area

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