Die Digitalrevolution von Musik und Film hatte das Buch nie nötig.

Franz Marc - Lesende Frau im Grünen Franz Marc - Lesende Frau im Grünen

„Die Verlage sollen sich mal ein Beispiel an der Musik und Filmindustrie nehmen.“

Wer kennt diese Floskel nicht, aber sollen, oder eher können, die Verlage das wirklich? Betrachten wir mal die Veränderungen die Musik und Film im Zuge der Digitalisierung mitgemacht haben mal genauer:

Mobilisierung und Verfügbarkeit

Vom Konzert, zum Grammophon, zur Stereoanlage und vom Theater, zum Kino, zum Fernseher. Musik und Film haben viele Entwicklungsschritte gemacht, ohne ihre Bindung an einen bestimmten Ort und eine bestimmte Zeit abschütteln zu können. Selbst das Radioprogramm, das theoretisch überall empfangen werden konnte, bot keine wirkliche Freiheit, weil es eben nur ein Programm war, man musste hören was gespielt wurde. Erst die Kassette und der Walkman machten die Musik halbwegs mobil, beim Film dauerte es noch länger, erst mit dem Streaming der letzten Jahre und dem Tablet ist uns der Film in den Park und die Straßenbahn gefolgt.

Das Buch war da schon immer. Man wählte seinen Lesestoff selbst, nahm ihn überall mit hin und konsumierte ihn in beliebigen Teilstücken. Das alles nun auf einem Bildschirm statt auf Papier zu tun, ist ja irgendwie nett, aber nicht ganz so beeindruckend, wie die Vorstellung, einen Konzertsaal mit sich herum zu tragen.

Da ist die Möglichkeit jedes Buch, immer und überall und zu jeder Zeit zu kaufen interessanter. Aber auch nicht so prickelnd wie bei Musik oder Film, den während ein Musikstück nach 3 Minuten, eine Serienepisode nach 45 und eine Film nach 120 Minuten endet, lesen wir einen Roman 30 Stunden lang, oft sogar noch länger, daher wählen wir sorgfältiger und anders und vor allem seltener. Denn wir können bei Musik Sport treiben, beim Fernsehen bügeln, aber wenn wir lesen, egal ob analog oder digital, können wir nur lesen. Und selbst wenn wir jede Woche ein Buch verschlingen, da wir es pro Woche tun, fällt es nicht so ins Gewicht, ob wir das neue sofort, oder in 24 Stunden haben.

Granulierung und Remix

Die Bedeutung dieser Prozesse für die Digitalisierung wird meiner Meinung nach stark übertrieben. Die Granulierung von Musik hat schon weit vor der mp3 gegeben, sofern man nicht davon ausgeht, dass sie schon immer vorhanden war. Das „Lied“ war immer eine eher kleine Einheit, die alleine stehen konnte und in einer Kneipe entschied nur die Stimmung darüber, was in welcher Kombination gesungen, gespielt oder eben gegröllt wurde.

Es ist daher eher so, dass das Album ein Hilfskonstrukt einer Zwischenphase war, in der diese kleingliedrige Unterhaltungsmusik in eine verkaufbare Einheit gepackt werden musste. Mit dem Internet, in dem keine Einheit zu klein für den Vertrieb ist, bekam das Lied einfach nur seine Freiheit zurück. Hier einen neuen Begriff zu schaffen und es als Digitaliesierungsprozess zu verkaufen ist übertrieben. Und der Film? Welche Granulierung hat der schon mitgemacht? Die Serie bringt zwar eine kleinere Grundeinhaut mit, wird aber immer noch zu Staffeln zusammengefasst, wodurch der Konsum einer einzelnen Folge unbefriedigend wird. Der Kurzfilm hat sich auch im digitalen nicht durchgesetzt.

Der Text war schon immer unterteilbar, ob man eine Seite gelesen hat oder nur einen Absatz, es war schon immer die freie Entscheidung des Lesers. Man musste nie vier Stunden Theater oder zwei Stunden Konzert am Stück durchhalten. Man zog das Buch aus dem Regal, las ein paar Zeilen und stellte es zurück. Kurzformen des Textes gab es auch schon immer, die Kurzgeschichte, die Novelle, die Erzählung bis hin zum Witz oder der Anekdote. Es ging schon immer beliebig lang und beliebig kurz. Die Digitalisierung bringt hier wieder nur neue Vertriebswege, aber wer der Anthologie noch nie etwas abgewinnen konnte, wird sich auch von den Buch-Singels nicht begeistern lassen.

Und der Remix? Die Möglichkeit Aufnahmen in Bild und Ton zu schneiden und zu mischen ist neu und technisch anspruchsvoll, doch jeder der Schreiben kann, konnte schon immer Texte „remixen“, ob durch Zitate, Inspirationen oder schnödes Plagiat. Intertextualität gab es schon im Artusroman. Dass wir nun nicht mal mehr tippen müssen, sondern „Copy & Paste“ haben, ist wieder nur ein unbedeutendes Detail.

Vielfalt und Bildgewalt

Das Wort „unverfilmbar“ war bis vor der Digitalisierung wörtlich zu nehmen, während „unbeschreiblich“ schon immer übertragen gemeint war. Die Aufzeichnung von Ton und Film wie auch die Wiedergabe sind neue Phänomene, wir kennen sozusagen noch die Prototypen und haben dadurch das Gefühl, als hätten sich Musik und Film entscheidend verbessert. Das haben sie auch, aber es ist eine hauptsächlich technische Verbesserung. „Avatar“ ist von der Bildgewalt neu und innovativ, die Geschichte, die erzählt wird, wurde aber schon 1597 aufgeführt.

Auch die Musik wird nicht besser oder neuer, nur weil es in den Lautsprechern nicht mehr knackt und quietscht.

So betrachtet, hat sich auch das Buch gewaltig verändert, die Bindungen sind besser geworden, wir haben Bildbände in Fotoqualität, die Druckerschwärze färbt nicht mehr ab, wir können schier beliebig klein drucken und in jeder Schriftart die man sich vorstellen kann. Auch das Buch hat technisch profitiert, da es aber schon seit 500 Jahren weiterentwickelt wird, fällt es nicht so auf, wir kennen die Prototypen halt nicht mehr.

Die künstlerische Weiterentwicklung geht auf allen Feldern gleich voran, die Themen ändern sich durch die selben Weltereignisse, der Stil passt sich unserer Lebensweise an, ob in Ton, Bild oder Text.

Und was die Vielfalt angeht? 300.000 digitale Bücher, darüber haben sich Journalisten lustig gemacht, Netflix hatte 2005 gerade mal 35.000 verfügbare Filme in der DVD-Ausleihe, beim Streamingstart waren es deutlich weniger.

Musik und Film waren noch vor 100 Jahren Luxusartikel, die schrecklich aufwändig für eine finanzstarke Minderheit produziert wurden, zu dieser Zeit konnte aber selbst der Tagelöhner bereits lesen und schreiben. Uns kommt die Musik und Filmindustrie nur daher so produktiv und kreativ vor, weil sie erst jetzt das aufholt was der Text schon längst geleistet hat. Besonders deutlich merkt man das daran, dass der Auftakt der bildgewaltigen Fantasyfilme auf einem damals 50 Jahre altem Buch basierte.

Fazit

Wer sollte sich jetzt an wem ein Beispiel nehmen? Erwarten wir wirklich, dass ein seit Jahrhunderte optimiertes und perfektioniertes Medium sich an Neulingen orientiert, die gerade mal ihre Reife erreicht haben?

Das Buch ist die ideale Form für das Medium Text, es wurde über Jahrhunderte zur Perfektion entwickelt, war schon immer uneingeschränkt Nutzerfreundlich, durch lokale und zeitliche Unabhängigkeit, war schon immer editierbar und wiederverwendbar und hatte schon immer eine enorme Formvielfalt. Inhalt und Stil hatten nie technische Grenzen, wodurch sich über Jahrhunderte eine fast unbeschreibliche Menge an Werken angesammelt hat, die durch Bibliotheken leicht und kostenlos erreicht werden konnten.

Das Buch ist in der digitalen Welt so sperrig, weil die digitale Welt ihm nichts bieten kann. Das Internet ist vielleicht lauter aber es ist nicht im Ansatz so gut auf die Textform von Inhalten und das Lesen optimiert wie das Buch, weil es noch zig andere Medien bedienen muss. Wenn die Verlage und Autoren mit ihrer perfektionierten, technischen Umsetzung aus Papier und Tinte, nun auf das brodelnde Chaos des Internets treffen, das noch vor fünf Jahren mit Textglättung gekämpft hat, ist der Konflikt doch vorprogrammiert.

Die Lösung aber simpel und banal: Gegenseitiger Austausch!

Liebe Technik, das Buch IST die optimierte Form für das Lesen, das könnt ihr nicht zerreden, findet euch damit also ab und lernt worauf es bei der „Lesbarmachung“ von Text ankommt.

Liebes Verlagswesen, das Internet IST die Vermittlungsform der Zukunft, auch wenn ihr die Augen noch so fest davor verschließt, es geht nicht mehr weg! Findet euch damit ab und lernt wie es Inhalte und Informationen transportiert und konzentriert euch auf dafür geeignete Texte.

Und ja, ich kaue es euch beiden gerne in zwei weiteren Artikeln noch mal vor 🙂

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