Auch beim Lesen gibt es kein Zurück

Deutsches Museum Verkehrszentrum: Der ICE-Versuchszug neben der S 3/6 im Verkehrszentrum, Halle II Deutsches Museum Verkehrszentrum: Der ICE-Versuchszug neben der S 3/6 im Verkehrszentrum, Halle II

Wieso glauben alle, Bücher wären kulturell wichtig? Es sind nicht die Bücher, sondern ihre INHALTE die uns menschlich weiter bringen.

Ich las gerade den Artikel von in der Übersetzung von apleintingerWarum können wir nicht mehr lesen?“ Und stellte fest, dass es mir, genauso wie in dem Artikel beschrieben, schwer fiel ihn in seiner beträchtlichen Länge zu Ende zu lesen. Doch obwohl ich allem was in diesem Artikel steht zustimme, sehe ich diese Tatsachen nicht im Ansatz so negativ. Der Grund der mich von diesem Artikel fort trieb war nämlich, dass ich ihm geistig voraus war und das ist nicht im Ansatz so arrogant gemeint, wie es hier klingen mag. Die Digitalität hat uns durch ihr Übermaß an Informationen und Texten geschult, sie hat uns beigebracht Gedanken schnell zu erfassen, Informationen zu Scannen und direkt zu verarbeiten. Das hat uns schneller gemacht, besser, effektiver. Natürlich ändert das unser Alltagsverhalten, aber es ist nicht schlecht!

Suchtverhalten ist schlecht, ja, aber das gab es schon immer. Schon immer gingen Väter in den Aufführungen ihrer Kindern hinaus, um eine Zigarette zu rauchen, schon immer waren Mütter von der Sauberkeit ihrer Küche so eingenommen, dass sie nicht merkten, dass Kinder mit ihnen redeten. Schon immer verpassten wir den Reiz einer guten Unterhaltung, weil uns ein Problem von der Arbeit nicht los lies. Der Mensch wusste die Schönheiten des Moments noch nie in Gänze zu schätzen, das Smartphone ist nur ein modernes Symbol dafür.

Egal wie pathetisch und empfindsam wir über das klassische Lesen eines Buches sprechen, wir bekommen es nicht wieder und wir wollen es auch gar nicht. Die Beschleunigung ist unser erklärtes Ziel, ja, sie ist sogar biologisch vorgegeben, wieso sonst sollte unser Gehirn Glückshormone ausstoßen, wenn wir etwas Neues sehen? Ein Gnu in der Savanne, das sich zum überleben aufs Fressen konzentrieren muss, hat garantiert keinen solchen Impuls.

Die Beschleunigungsdiskussion ist ja nicht neu. Wir führen sie ironischerweise seit der Erfindung des Romans, dem schnöden Wortwerk, dass die Menschen an ihre Wohnzimmer fesselt und von der Gesellschaft entzweit und vor allem die empfindsamen Gehirne der Damen mit unverdaulichen und verwirrenden Gedanken füllt.

Egal wie romantisch wir über die Reisen per Schiff, Kutsche oder Dampflok denken mögen. Wenn zwischen mir und meiner Familie ganz Deutschland liegt, will ich mit 300 km/h reisen.

Doch wie ich schon sagte, ich stimme allem zu, was Hugh McGuire in seinem Artikel beschreibt. Die digitale Welt lockt uns mit Neuem, sie fordert zur Interaktion auf und verringert unsere Konzentrationsphasen, oder sollten wir nicht lieber sagen, dass sie unsere Erwartungen erhöht? Auch „das Buch“ wurde über Jahrhunderte beschleunigt. Wer das zweifelhafte Vergnügen hat den Parzival zu lesen, wird es schnell merken. Und wie lang die Konzentrationsphase unserer Vorväter gewesen ist, merkt man am besten daran, dass „die Welt“ sich aus Cervantes 2000 Seiten starkem Werk Don Quijote gerade mal die Szene gemerkt hat, die auf Seite 80 vorkommt. Doch wo wir gerade bei dem Kampf gegen die Windmühlen sind: Gegen was argumentieren solche Texte überhaupt? Gegen das Digitale an sich? Gegen das Internet? Beides geht nicht mehr weg. Wir sollten damit umgehen lernen. Unsere Kinder werden das gedruckte Buch ewig lieben, genauso wie sie Dinosaurier, Ritter und Dampfmaschinen lieben, doch für unseren Alltag bedeutet der aktuelle Mangel an Bedeutung in der schnellen, digitalen Welt etwas völlig anderes.

Das wir mit dem klassischen Langtext, wie er bevorzugt in Büchern verbreitet wird, nichts mehr anfangen können, liegt nicht an unserer veränderten Konzentration, sondern an einer verbesserten Rezeption, die sich durch die allgemeine, höhere Bildung und Aufklärung ergibt. Wir verlernen das Lesen also nicht, wir optimieren es, und das schon seit dem Mittelalter. Während wir im mittelalterlichen Roman, noch jeden Wimpel, jeden Strauch, jeden Wams beschrieben finden, würde uns das im modernen Roman zu Tode langweilen – Oh, welch kultureller Verlust, dass wir uns nicht mal mehr auf die Ästhetik einer im Wind schlagenden Standarte konzentrieren können!

Nur weil es früher anders war, war es nicht besser. Und nur, weil wir heute anders Lesen, heißt es nicht, dass wir nicht Bedeutendes lesen könnten. Es ist nicht das Buch, das uns geistig weiter bringt, das uns menschlich formt und emotional bewegt, es sind die Inhalte, es sind die Worte und Gedanken, die Ideen und Ansichten und denen ist es egal ob sie mündlich am Lagerfeuer oder digital in 10-Minuten Häppchen transportiert werden.

Unser Problem besteht nicht darin, dass wir alle fünf Minuten von einer digitalen Nachricht abgelenkt werden, sondern darin, dass diese Nachrichten aktuell noch so banal sind. Doch solange die Literatur glaubt „Bücher“ machen zu müssen, statt Inhalte, wird sich das auch nicht ändern und wir werden es büßen, weil das Rationale das Internet schon längst erobert hat und seine Inhalte stärker und lauter verkündet als je zuvor. Das Kulturelle sollte nachziehen, statt sich selbst zu bedauern.

Das Buch hat uns lange gut gedient, wie auch die Dampflock, doch wenn zwischen mir und der Erkenntnis eine ganze Welt liegt, dann will ich meine Inhalte in Gigabyteschnelle.

1 Kommentar on Auch beim Lesen gibt es kein Zurück

  1. Klar fällt es schwer, den Artikel von Hugh McGuire in seiner beträchtlichen Länge zu lesen, wenn man dafür seine Prime Time vor dem Rechner einsetzen soll. Wenn man aber unterwegs ist und „zu viel“ Zeit hat, sie also bis zur Ankunft totschlagen möchte, kann der Text gar nicht lang genug sein, solange er interessante Inhalte transportiert. Ein Jammer also, dass er „nur“ im Web bereitgestellt wird, und nicht auch gleich in vorbereiteter Form für mobiles Offline-Lesen, idealerweise leicht übertragbar auf das Mobilgerät, möglichst über einen kuratierten Distributionskanal.

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