“Amazon Kindle: Eigene E-Books erstellen und verkaufen” von W. Tischer

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Dies ist nicht nur eine Buchkritik, sondern auch eine Medienanalyse, da hier tatsächlich ein eBook vorliegt, dessen Erstellung in ihm selbst dokumentiert ist.

Wolfgang Tischer, Chefredakteur und Herausgeber von http://www.literaturcafe.de startete im Mai 2011 ein interessantes Projekt. Er arbeitete den Blogeintrag Amazon Kindle: 10 Tipps wie Sie Ihr eigenes E-Book veröffentlichen und 70% Autorenhonorar bekommen vom 21. April 2011 zu einem 30 Normseiten langen eBook aus und veröffentlichte dieses für 99ct bei Amazon.de.

Am 27.05.2011 befand sich dieses Heftchen auf Verkaufsrang #15 der deutschen eBooks. (Das soll aber nicht viel heißen, im Moment werden nicht gerade Millionen von eBooks umgesetzt und literasturcafe.de berichtet selbst, dass der entsprechende Rang mit wenigen hundert Verkäufen erreicht wurde.) Der “rasante” Absatz des Werks ist verständlich, da wohl die meisten Käufer des Kindle im Moment noch weniger passionierte Leser als literarisch interessierte Technikfreaks und Verlagsmenschen sein werden.

Ich möchte dieses Buch im Grunde nicht kritisieren, weil die Idee und der Stil wirklich gut sind und das, was dort beschrieben wird, mal gesagt werden musste, aber andererseits verlange ich von jemandem, der als eine Art Pionier auf dem Bereich eBooks antritt und explizit über das Herstellen und Veröffentlichen solcher spricht, sich etwas mehr Mühe zu geben, vor allem, wenn man im entsprechenden Erfahrungsbericht explizit erwähnt: “Wichtig war es uns, das fertige E-Book nicht erst durch Amazon konvertieren zu lassen, sondern schon vorab den Text auf dem Kindle überprüfen zu können.” (Aus dem Erfahrungsbericht auf literaturcafe.de zitiert)

Fangen wir bei der Technik an:

Das Buch enthält Cover, Titelseite und ein HTML-Inhaltsverzeichnis, die dem eigentlichen Inhalt vorangehen. Nach Erfahrungsbericht mit Calibre erstellt. Cover und Titelseite sind gut gestaltet. Das Inhaltsverzeichnis steht hingegen im Blocksatz da, was dazu führt, dass die Wortabstände stark variieren. Vor allem die Abstände zwischen “Tipp” und der jeweiligen Nummer sind unterschiedlich groß und das unabhängig von der eingestellten Schriftgröße. Auch fehlt die Option, dieses Inhaltsverzeichnis aus dem Buch heraus zu erreichen. Ein automatisch erstelltes “table of contents”, das über die “Go to…”-Funktion des Kindle erreicht werden könnte, fehlt. (Dieses automatische TOC wird beim ePUB aus der Datei toc.ncx generiert und bei der Konvertierung zu Mobipocket übernommen) – Diese Tatsache ist unschön, auch wenn man nicht unbedingt dem Autor die Schuld geben kann, da das Buch ja automatisch erstellt wurde und man schon im Voraus sagt, dass man nicht im HTML herumspielen will. Problematisch ist, dass diese Mängel weder im Text des Buches selbst noch in etwaigen Blogeinträgen erwähnt werden. Ein Autor, der im Forum von Buchreport.de über “schlecht kodierte E-Books” spricht, sollte da mehr Anspruch haben.

Peinlicher, angesichts der erwähnten Vorab-Überprüfung, sind solche Darstellungsfehler:

Überlappung in Tischler Kindle

Die Überlappung taucht faszinierenderweise nur in den zwei, meiner Meinung nach, günstigsten Lesegrößen auf, es ist jedoch nicht die einzige Überlappung dieser Art. Im ersten Absatz des fünften Tipps schiebt sich das Kompositum “Open-Source-Alternative” in das Wort davor und das dahinter. Auch dies ist wohl eine Kindle-Krankheit, jedoch sind mir derartige Probleme bei keinem anderen eBook aufgefallen, egal ob Selbstverleger oder renommierter Verlag.

Eine weitere Aussage aus dem Erfahrungsbericht zum Buch ist vorsichtig zu behandeln:

Wenn man unsere Tipps berücksichtigt, lässt sich sehr gut ein digitaler Buchblock erstellen, bei dem im fertigen E-Book auch Inhaltsverzeichnis, Links und Verweise sauber umgesetzt werden. – literaturcafe.de

Das Inhaltsverzeichnis funktioniert, sieht nur – wie schon erwähnt – nicht schön aus. Die Links funktionieren, aber auf ihre Sinnhaftigkeit wird nicht eingegangen. Im Augenblick kann ein eInk-Reader noch nicht flüssig bzw. stufenlos scrollen, das heißt, die Darstellung von Internetseiten auf einem eInk-Reader ist Glückssache und Frickelei. Abbildung 1: Das Auswahlfenster zum Zoomen in der auf die Breite der Seite optimierten Ansicht, nimmt nur drei Positionen ein, ganz links, die dargestellte Mitteloption und ganz rechts. Wie man abschätzen kann, wird der Text in keiner Darstellung ganz angezeigt. Nun kann man es mit dem Drehen des Geräts in die Queransicht versuchen oder eine der vier Zoom-Stufen des Menüs testen. Hat man Glück, lässt sich der Text in einer dieser Ansichten lesen, wenn man Pech hat, sieht es aus wie auf Abbildung 2. Uns steht zwar ein waagerechter Scrollbalken zum Verschieben der Ansicht zur Verfügung, aber wer will jede halbe Zeile das Bild herumflackern haben? Abgesehen davon bin ich persönlich zu doof, herauszufinden, wie ich diesen Scrollbalken steuere, da werde ich wohl in der englischen Gebrauchsanweisung suchen müssen.

Abbildung 1 - Webansicht auf "optimaler" Breite

Abbildung 1 - Webansicht auf "optimaler" Breite

Abbildung 2 - Zoom 200%

Abbildung 2 - Zoom 200%

Wenn man schon Links in seinem Buch verwendet und auf dem Endgerät testet, sollte man solche Aspekte berücksichtigen, vor allem, wenn man sich dazu entschließt, nicht die URLs darzustellen und zu verlinken, sondern die Titel mit der URL zu hinterlegen, so dass man nicht auf “http://…” klickt, sondern auf “Ausformulierter, beliebiger Text”. Das heißt, dass ich als Leser die Links nur dann richtig nutzen kann, wenn ich auch das eBook auf dem Rechner habe, was beim Kindle mit dem Direktshop nicht vorausgesetzt werden kann. Einfach mal vom Kindle abtippen ist ja nicht drin, an die URL komme ich ja nicht heran.

Nun zu den Verweisen. Auch hier wird mehr versprochen, als .odt und Calibre liefern können. Die Fußnoten führen zwar zu der Fußnotendatei, was schon mal sehr erfreulich ist, aber sie führen nicht zu der eigentlichen Fußnote. In meiner Schriftgröße werden auf der ersten Fußnotenseite acht Fußnoten angezeigt. Klicke ich im Text die zehnte an, lande ich trotzdem bei den Fußnoten 1 bis 8. Das vorliegende Buch hat zwar nur zwei Seiten Fußnoten, das Blättern kostet also keine Stunden, aber das ist kein Grund, einen solchen Misstand als “sauber umgesetzt” zu bezeichnen.

Nun zur Formatierung.

Das Buch ist in Blocksatz gesetzt, was Kindle jedoch nicht immer sauber umsetzen kann, da es einen Maximalabstand zwischen den Worten nicht übersteigt und keine Silbentrennung beherrscht. Wieder kein Fehler des Autors, aber es sollte aufgefallen sein, dass Kindle mitten im Absatz plötzlich Flattersatz einsetzt und dies bescheiden aussieht, selbst wenn man nichts dagegen tun kann.

Wirklich hässlich, sicher zu vermeiden und setzerisch ein No Go sind die Leerzeichen hinter den Fußnoten und vor Satzzeichen! Das MUSS anders gehen und macht einen wichtigen Teil eines schlecht kodierten eBooks aus.

Von der Handvoll Grammatik- und Zeichensetzungsfehler rede ich jetzt mal nicht, auch wenn es etwas peinlich ist, dass der erste größere Klopper bereits auf der “ersten” Seite eines Buches steht, das anderen rät, die Rechtschreibkorrektur einzuschalten und einen Lektor zu bemühen.

Was noch bleibt, ist der Inhalt.

Bislang galt meine Kritik meistens dem Ignorieren oder Beschönigen von Dingen, die bei der beschriebenen Herangehensweise nicht wirklich in der Hand des Autors liegen. Das ist mir sehr wohl bewusst, und ich erwarte in der angekündigten zweiten Auflage die Korrektur einiger dieser Punkte. Der Inhalt des Buches ist nun aber wirklich endgültig auf dem Mist des Autors gewachsen und halbwegs solide. Die ersten Tipps sind zwar reichlich banal und für die meisten Selbstveröffentlicher entweder selbstverständlich oder nicht realisierbar, denn ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Hobbyautor, der sein Werk auf eigene Faust für 99ct bei Amazon anbieten möchte, sich einen professionellen Lektor leisten kann, geschweige denn mit dessen Arbeit wirklich auch etwas anfangen kann.

Der Bereich der Konvertierung kommt viel, viel zu kurz. Dieser inhaltliche Mangel hat wohl auch die vorangegangene Kritik ausgelöst. Aber wie schon erwähnt, da erwarte ich in der zweiten Auflage eine deutliche Steigerung, immerhin sollte Herr Tischer inzwischen umfassende Erfahrungen gesammelt haben.

Die Tipps 6 bis 12 beschäftigen sich dann hauptsächlich mit Aspekten des Verlegens, also der Preisbildung, dem Marketing und der “Buchhaltung”. Eine gut gelungene Merkliste, viel mehr leider nicht, weil die Informationen zu knapp sind. Aber da es sich bei diesen Punkten um Dinge handelt, die man – in der Euphorie, ein Buch zu veröffentlichen, und im Gefrickel, es als eBook bei Amazon zu tun – sehr schnell vergessen kann, ist diese Erinnerung sehr hilfreich. Vor allem, weil sie zum Teil sehr gut auf Amazon zugeschnitten ist.

Stilistisch ist das Heftchen locker und flüssig geschrieben und liest sich sehr leicht und schnell. Die Länge ist etwas knapp für 99ct, aber gerade noch so vertretbar, hauptsächlich, weil Amazon niedrigere Preise gar nicht annimmt.

Fazit: Das Buch erhielt von mir drei Sterne, für einen guten Ansatz aber zu viele Lücken bei zu großspurigen Ankündigungen.

 

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Veröffentlicht unter Allgemein
2 Kommentare auf ““Amazon Kindle: Eigene E-Books erstellen und verkaufen” von W. Tischer
  1. ^tg sagt:

    Ich hoffe sehr, Sie verzeihen einem jungen Blog den etwas reißerischen Stil der Kritik. Aber ich empfinde Kindle und Mobipocket aus technischer Sicht als eine furchtbar zickige und unausgereifte Lösung und es war mir wichtig, aufzuzeigen, wie einfach Missstände selbst bei engagierten Projekten auftreten können.

    Entschuldigen muss ich mich wohl für die hier unglücklich geratene Verknüpfung zwischen dem buchreport.de-Artikel und der technischen Kritik. Das war keineswegs so beabsichtigt und ich werde es zeitnah korrigieren. Ihren Buchreport-Artikel habe ich hingegen sehr gründlich gelesen und auch entsprechend kommentiert. Ich empfinde renommierte Verlage keineswegs als Qualitätssicherer, weder im inhaltlichen noch im technischen Bereich. Aber das ist eine andere Diskussion, die ich sehr spannend finde und sicher noch in einem Artikel aufgreifen werde.

    Vielen Dank für Ihr Interesse und die Rückmeldung, ich bin sehr gespannt, wie es mit Ihrem Projekt weitergeht und wünsche Ihnen dabei viel Erfolg.

  2. Liebe Tina Giesler,

    herzlichen Dank für diese ausführliche und detaillierte Besprechung. Fast alle der erwähnten typografischen Defizite sind bereits in der 2. Ausgabe des E-Books beseitigt worden, die letzte Woche erschienen ist.

    Da viele der Defizite und Fehler bei der Vorab-Prüfung nicht immer sichtbar waren, haben wir lange nachgeforscht, wie es zu diesen unschönen Dingen (überlappender Text, fehlende Wörter, Leerzeichen vor einem Punkt oder Komma und falsche Fußnotenlinks) kommt. Wenn man’s weiß, ist die Lösung banal und daher werde ich diese in einem ausführlichen Beitrag im literaturcafe.de erläutern und schildern, wie man sie vermeiden kann. Denn viele Fehler wurden in der 2. Ausgabe eher “unbeabsichtigt” behoben.

    Eine Anmerkung noch: Schade ist, dass Sie die Überschrift meines buchreport.de-Beitrags falsch interpretieren und den Text dazu nicht oder nur flüchtig gelesen haben, um zu verstehen, was es mit den “schlecht kodierten Büchern” auf sich hat.

    In dem Beitrag kritisiere ich keineswegs die technischen Defizite von E-Books oder Mängel an der (typografischen) Aufbereitung.

    Tatsächlich sind die “schlecht kodierten Bücher” ein übertragenes Bild für nicht so ganz hochwertige Inhalte. Zugegebenermaßen erklärt sich das erst im letzten Absatz meines Artikels, in dem ich mich auf eine Studie beziehe, in der festgestellt wurde, dass Hörer schlecht kodierter MP3-Dateien, deren Klang also nicht optimal ist, diese nach einiger Zeit höherwertigen Aufnahmen vorziehen. Meine These im Artikel ist, dass Ähnliches auch mit Büchern passieren könnte, indem günstige Bücher von Hobbyautoren, die inhaltlich (Spannungsbogen, Charaktere, Rechtschreibung etc.) nicht ganz so perfekt sind, dennoch den Produkten aus etablierten Verlagen vorgezogen werden. Der Beitrag bezieht sich also auf Inhalt und nicht Technik. “Schlecht kodiert” ist nicht wörtlich zu nehmen, sondern ein sprachliches Bild. Das nimmt leider der Kritik etwas die Luft, weil die Logik “der Autor kritisiert etwas, was er selbst nicht einhält”, nicht mehr (ganz) stimmt.

    Dennoch erfreuen mich natürlich auch technisch perfekte E-Books, wobei in der Kritik leider nicht erwähnt wird, dass ich nicht behaupte die Kombination OpenOffice/Calibre sei perfekt. Im Gegenteil. Die beste Quelle für Calibre ist nun mal handgeschriebenes HTML/CSS, doch kann man dennoch mit OpenOffice/Calibre einiges herausholen.

    Ein großes Defizit dieser Kombination haben aber dennoch die Beschäftigung mit Ihrer Kritik und einige Versuche ans Licht gebracht, sodass ich diese Fallstricke demnächst im literaturcafe.de näher erläutern werde, auf dass andere nicht auch darüber fallen.

    Nochmals herzlichen Dank!

    Beste Grüße
    Wolfgang Tischer
    literaturcafe.de

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