Amazons Kindle ist kein Europäer

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Irgendwie schien die Welt sich schon immer einig zu sein: Der Kindle ist der beste eBook-Reader. Die Gründe dafür waren: bestes eInk-Display, vollwertige qwerty-Tastatur zum bequemen Suchen und ein integrierter Shop zum schnellen Download von Lesestoff. Mit dem Kindle 3 kommt nun auch die WiFi-Anbindung hinzu und die Kooperation mit SocialMedia wie Facebook und Twitter.

Klingt alles sehr überzeugend! Genauso überschwänglich äußern sich auch Vergleichsseiten im Netz (z.B. www.ebookreader-vergleich.de) und schlagen in dieselbe Kerbe: Kindle ist das Beste! Für den anglo-amerikanischen Markt mag das ja auch stimmen, doch komischerweise betrachten die meisten Vergleiche das Gerät nicht aus europäischer Sicht. Zwar wird oft das mangelhafte und bis April 2011 gar nicht vorhandene Angebot deutschsprachiger Titel im Amazon-Kindle-Store bemängelt, aber dieses hat mit dem Gerät und seiner völlig fehlenden Lokalisation ja nichts zu tun.

Fehlende Lokalisation! Da sind wir beim Thema. Obwohl der Kindle seit zwei Jahren in Deutschland beworben wird, spricht er unsere Sprache immer noch nicht. Die gesamte Menüführung ist englisch, alle Gerät- und Shop-Ausgabetexte sind auf Englisch, was vor allem bei den Kaufvorgängen kritisch werden kann, wenn der Shop schreibt: “Thank you for your purchase.” Mein Englisch ist mies – zugegeben – und man sollte beim Umgang mit Shops ja auch eine gewisse Vorsicht walten lassen und mitdenken, was man tut, aber andererseits ist die Tastatur ja auch immer im Weg, wenn man versucht, das Gerät festzuhalten … Kurzum: Ich habe das Wort “Purchase” noch nie im Leben gehört! Und auch wenn mir das Gerät netterweise anbietet “Purchased by Accident? Cancel this Order” kann man schon etwas verwirrt sein, wenn eben dies geschehen ist und man gar nicht weiß, wie man auf die Ansicht gekommen ist. Ja, es mag sein, dass ich jammere. Fakt ist aber, wenn ich mein Konto nicht von Amazon leergeräumt sehen will, muss ich die Shop-Funktion abklemmen, bevor ich das Gerät meiner Mutter in die Hand drücke. (Edit: Bedenkt man, dass die Hauptnutzergruppe in den USA Menschen ab 55 sind, die mit dem eReader die mangelnden Großdruckausgaben ausgleichen, fällt der Punkt noch stärker ins Gewicht.)

Von den beeindruckenden Vorteilen des Kindles lassen wir das beste eInk-Display stehen. Es ist wirklich hervorragend, spiegelt nicht, ist schnell und gestochen scharf. Doch gehen wir nun über zu der hochgelobten Volltastatur. Sie nimmt reichlich Platz weg und gibt dem Gerät eine gewisse Kopflastigkeit, was den Lesewinkel angeht. Ich bin nach zwei Kurzromanen dazu übergegangen, die Anzeige auf den Kopf zu drehen, was das Halten des Geräts deutlich erleichtert, die Bedienung aber deutlich erschwert und die Tastatur ad absurdum führt.  Dass sie für die Suche in Texten jedoch sehr hilfreich ist, kann man nicht leugnen. Wobei, doch kann man, sie enthält nämlich keine Umlaute! Das heißt, dass man in deutschen Texten das simple Wort “für” nicht findet. Die Sonderzeichen stehen mir nicht nur nicht auf der Tastatur zur Verfügung, selbst unter den einblendbaren Symbolen sind sie nicht zu finden! Ich kann nach jeglichen Klammern und allen im Englischen üblichen Anführungszeichen suchen, aber nicht nach einem Ü. Von anderen europäischen Zeichen, die oft in Namen vorkommen, wollen wir gar nicht erst anfangen, denn die führen uns zum zweiten Manko des Geräts.

Kindle beherrscht kein UTF-8! Zumindest nicht absichtlich. Laut der Hilfeseite für Self-Publisher sollen Ausgangsdateien in ASCII kodiert sein, weil Kindle mit iso-8859-1 arbeitet, also im Grunde noch nicht mal das €-Zeichen kennt. Zum Glück erweist sich dies nur als übertriebene Vorsichtsmaßnahme, denn Calibre konvertiert UTF-8 problemlos zu Mobipocket, das auf dem Kindle dann auch brav osteuropäische Zeichen, € und andere anzeigt. Zwar werden bei einem Test mit dem gesamten UTF-8-Zeichensatz tatsächlich einige Zeichen nicht unterstützt, aber der Prozentsatz ist beruhigend gering. Dass Polnisch, Deutsch und Französisch zumindest für die Nutzung in Romanen unterstützt wird, ist aber wohl dem aktuellen Linux-Kernel, der der Software zugrunde liegt, zu verdanken und nicht den Kindle-Entwicklern, die offenbar gar nicht von einer Kompatibilität mit europäischen Sprachen ausgingen und diese auch nicht fokussierten.

Soviel zu den GANZ großen Patzern. Dass man die Tastatur durch den Umlautmangel auch schlecht zur Bedienung der SocialMedia-Funktionen nutzen kann, ergibt sich von selbst, außer natürlich man schreibt ausschließlich auf Englisch. Nun zu den kleineren und im Grunde unerklärlichen Mängeln: Die Hilfeseiten, vor allem zum Thema Self-Publishing sind zwar auf Deutsch vorhanden, aber offenbar noch nicht einmal korrekturgelesen, denn sie strotzen nur so vor Vertippern und Fehlern. Die ausführliche Bedienungsanleitung zum Gerät liegt nur auf Englisch vor, was bei Englisch-Allergikern wie mir dazu führt, dass mir gewisse Funktionen noch gar nicht untergekommen sind. (Zum Thema Nutzerfreundlichkeit werde ich mich aber in einem gesonderten Artikel äußern). Für heute ziehe ich nur das …

Fazit: Obwohl Kindle seit 2009 in Europa beworben und lanciert wird, ist das Gerät absolut nicht für den europäischen Markt vorbereitet! Die korrekte Anzeige europäischer Zeichen ist nicht bewusst implementiert, der Import europäischer Inhalte nicht einmal vom Zeichensatz her optimiert, die Eingabefunktion/Tastatur für Deutsch und andere europäische Sprachen völlig ungeeignet. Die Oberfläche der Gerätesoftware wie auch die webseitige Shop-Oberfläche sind nicht übersetzt. Das Benutzerhandbuch liegt nur in Englisch vor, und die Hilfeseiten zum Self-Publishing und die Kindle-Hilfe sind nicht lektoriert.

Da kann man sich doch glatt in seinem Nationalstolz verletzt fühlen!

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