Seit der Pleite mit “Glanz” lässt es mich nicht los: Es muss doch machbar sein, ein ANDERES eBook zu machen, etwas, was gedruckt gar nicht geht und das wirklich beeindruckt. Ausprobiert wurde ja schon das eine oder andere, z.B. war “Schandweib” von Claudia Weiss
in der multimedialen Aufarbeitung sehr beeindruckend, doch all die Videos und Audiodateien bleiben doch nur eine Beigabe zum klassischen Text, und da war Stefan Krückens Schnapsidee irgendwie origineller.
Aber genug gejammert – legen wir los: Mein Favorit wäre ein Entscheidungsroman. Oder eher eine Entscheidungserzählung, auf Romanlänge müsste man zu viele Entscheidungspunkte setzen, damit die Interaktion auch wirklich wahrgenommen wird, was wiederum zu viele Abzweigungen erzeugen würde und für ein erstes Experiment zu viel Aufwand bedeuten würde.
1. Grober Aufbau
Man beginne mit einer klassischen Einleitung, in der der Leser einen Überblick über Figuren und Szenario erhält, beides sollte begrenzt sein, aber das diktiert ja schon die Erzählung. Diese Einleitung führt uns nun zu einer Entscheidung, zu einer echten Entscheidung, einer essenziellen Entscheidung, so einer, die alles ändert. Wir geben zwei Entscheidungsmöglichkeiten vor, sie müssen gleichwertig sein, doch zu unterschiedlichen Ereignisketten führen. Die Erzählung wird klassisch fortgesetzt bis jeder Strang wieder zu einer Entscheidung führt mit der genauso verfahren wird, wie mit der ersten. Die vier, daraus resultierenden Verläufe, führen nun zu vier unterschiedlichen Höhepunkten.
2. Entscheidungstiefe
Die vom Leser getroffene Entscheidung muss sich merklich in der weiteren Handlung der Erzählung widerspiegeln und es darf keine richtige oder falsche Entscheidung geben. An dieser Stelle möchte ich auf mein absolut liebstes Computerspiel verweisen – Dragon Age: Origins
. Rollenspiele dieser Art sind Meister der unmöglichen Entscheidungen. In einem “Kapitel” muss man entscheiden, wem man die Krone auf den Kopf setzt, zur Wahl steht der als Erbe eingesetzte Berater des alten Königs – ein alter, vernünftiger und guter Mann, der vom Volk geliebt wird – und der jüngste Sohn des alten Königs, der seine Geschwister tötete und daher von seinem Vater als Erbe abgesetzt worden ist – ein junger Mann, der sich auf die Macht und Gewalt verlässt, das Volk fürchtet ihn, genauso wie der Adel. Zuerst scheint die Entscheidung einfach, doch im Verlauf des Spiels stellt sich heraus, dass der Berater sich nicht gegen den Adel durchsetzen kann und es unter seiner Regentschaft zu unzähligen Intrigen, wenn nicht sogar zum Bürgerkrieg kommen könnte. Der jüngste Sohn hingegen mag zwar grausam sein, doch er setzt seine Macht nicht nur gegen das Volk, sonder auch gegen die intriganten Adelshäuser ein und ist ein hervorragender Militärstratege, der das Land nicht nur innerpolitisch stabilisieren würde, sondern auch externe Feinde auf Abstand halten würde. Was also tun? Den Tyrannen auf den Thron setzen, um den Landesfrieden zu sichern, oder den guten König wählen und Bürgerkrieg riskieren? DAS sind Entscheidungen, die in eine Entscheidungserzählung hineingehören, nicht die Frage ob man nach links oder nach rechts geht!
3. Storykonzept
Für die bisherigen Punkte war es egal, ob man einen Krimi oder eine Romanze schreibt, doch um zu wissen, wie man die nötige Entscheidungstiefe erreicht, muss nun entscheiden, auf welcher Ebene sich die aus der Entscheidung resultierenden Konsequenzen entwickeln sollen. Bei einer Erzählung hat man im Grunde nur zwei Möglichkeiten: entweder man destabilisiert durch die Entscheidungen das Szenario und erzeugt so Handlungsdynamik oder man destabilisiert den Hauptcharakter und erzeugt emotionale Tiefe in der Charakterentwicklung. Zieht man hier die unter Punkt 2 gemachte Bedingung der Gleichwertigkeit der Entscheidungsmöglichkeiten hinzu, wird sich herausstellen, dass bestimmte Genres wie z.B. der Krimi wegfallen. Da es bei einem Krimi darum geht, dass der Täter gefunden wird, wären die Optionen für die angestrebten vier gleichwertigen Höhepunkte sehr eingeschränkt: Wird der Täter in allen vier Fällen erwischt werden die gemachten Entscheidungen irrelevant, gibt es nur in einem Finale eine Falllösung wären die Höhepunkte nicht mehr gleichwertig. Andere Genres erhalten einschränkende Elemente, so braucht eine Liebesgeschichte zumindest drei Protagonisten, damit keine Entscheidungskette durch das einzige Happy End als die “richtige” bezeichnet werden kann. Die meisten Möglichkeiten für eine Entscheidungserzählung bieten sicherlich die Bereiche Abenteuer und die Fantastik, da man hier die Höhepunkte stark variieren kann. Wichtig ist zwar, dass die einzelnen Ereignisketten in der Spannung und Relevanz gleichwertig sind, das heißt aber nicht, dass sie die selben Ereignisse beschreiben müssen. Entscheidet sich die Hauptfigur in einer Romanze z.B. dafür, den ermüdenden Kampf um einen Potenziellen zu beenden, kann dieser Partner in diesem Strang tatsächlich wegfallen und ggf. durch eine neue Figur ersetzt werden, die in dem Strang in dem die Hauptfigur weiterkämpft gar nicht oder nur sehr marginal auftaucht.
4. Das Vorgehen des Autors
Der Autor muss bei einem solchen Projekt stärker chronologisch Arbeiten als beim klassischen Roman, jedoch kann er seine Arbeit stärker strukturieren. Es empfiehlt sich zuerst ein handlungsunabhängiges Szenario zu schaffen, das ausreichend Platz für vier unterschiedliche Geschichten bietet. Dann folgt das Konzept der Hauptfigur, die auf eine ausreichende Komplexität und vor allem Flexibilität geprüft werden muss. Ein sturer Idealist oder ein spießiger Bürokrat würden ihre Werte zu stark auf den Leser übertragen und so ggf. gebotene Optionen ausschließen, weil der Leser das Gefühl hätte seine Entscheidung würde gegen dem Charakter der Figur widersprechen. Konzipiert wird nun jeder Textabschnitt einzeln. Also vom Anfang bis zur ersten Entscheidungspunkt (Textpassage 1 im Diagramm) Diesen Text kann man als eigene Teilerzählung konzipieren, die den Charakter in eine Entscheidungskriese führt, das Ende sollte einerseits als Abschluss befriedigend sein, andererseits als Cliffhanger zum Weiterlesen animieren. Nun sollte man mit dem Textabschnitt 2 weitermachen und genauso vorgehen, wie bei 1. Es könnte empfehlenswert sein, vor dem Abschnitt 2 die Abschnitte 3 und 4 zu schreiben, da durch die Segmentierung des Gesamttextes die Gefahr besteht, dass die einzelnen Segmente nicht nahtlos ineinander übergehen und so der Textfluss bei einem geraden Lesedurchgang gestört wird.
5. Der Plural von Finale
Durch die Entscheidungspunkte verändert sich das Leseverhalten. An jedem Entscheidungspunkt reflektiert der Leser den Text, weil er zum innehalten und Nachdenken gezwungen wird. Er liest im Idealfall also bewusster als dies bei einem spannungsgetirebenem linearen Text der Fall wäre. Das heißt, dass auch unscheinbare Hinweise auf ein mögliches Finale eher bemerkt und berücksichtigt werden, dadurch besteht vier mal die Herausforderung darin ein Finale zu schaffen, das einerseits auf den gemachten Entscheidungen basiert, andererseits aber auch nicht vorhergesehen werden kann. Auch hier kann ich ein Vorbild anbringen, den Drehbuchautor und Regisseur Joss Whedon und hier besonders seine Handlungswendungen aus Serenity, Dr. Horrible’s Sing-Along Blog und The Cabin in the Woods. Fordert man den Leser durch die Form auf mehr zu denken, muss man für ein befriedigendes Finale besonders viel Ideenreichtum aufbringen.
6. Technische Umsetzung
Die technische Umsetzung in einem ePUB ist denkbar einfach. Man hebelt die Reihenfolge der Textabschnitte durch ein unvollständiges <spine> im content.opf aus, die Frage die hier noch zu beantworten wäre, ist, wie viele Angaben von den einzelnen Shops verlangt werden, der ePUB-Standard verlangt hier keine vollständigkeit und auch die Shops lassen sich nach meinem aktuellen Stand mit einer Auflistung von mehr als einem Punkt täuschen, da eine Vollständigkeit nicht automatisch überprüft werden kann. Der Effekt bestünde darin, dass nach jedem Textabschnitt sozusagen das “Ende” des Dokuments erreicht wäre und ein Weiterlesen nur mit einer Linkanwahl möglich ist. Auch zu prüfen wäre, ob einzelne Apps oder Geräte auf ein Dokumentenende unerwünscht reagieren. Die Verlinkung findet direkt im Text statt, so dass kein Navigationstext anfällt, dieser Aspekt muss vom Autor bedacht werden! So muss jeder Abschnitt mit einer Textzeile dieser Art abgeschlossen werden: Die Zeit lief mir davon, sollte ich fliehen oder die Herausforderung annehmen? Erklärende Paratexte können beliebig um die Erzählung herum angeordnet werden.
7. Realisierung eines Testprojekts
Ein eBook auf den Markt zu bringen ist jetzt nicht so der Akt. Man braucht einen Autor, einen Lektor, einen Hersteller und einen Vertrieb. Wenn ich mein eigenes, bescheidenes Netzwerk abklappere, bin ich mir sicher im Bereich Vertrieb auf die Erfahrungen der Häuser Posth und Frohmann zurückgreifen zu können. Die Herstellung und technische und konzeptionelle Betreuung kann type:area selbst übernehmen, Freiberufliche Lektoren gibt es reichlich und ich bilde mir ein, bei dem einen oder anderen einen Sonderpreis rausschlagen zu können – was Freiwillige, die aus Interesse am Projekt in Vorleitung treten würden, nicht daran hindern soll jetzt Laut zu geben! Bleibt die Frage nach einem Autor, auch hier wird es sicher möglich sein einen zu engagieren, doch nach welchen Kriterien? Ich lasse die Frage noch mal offen.
8. Finanzierung
Im allgemeinen rentieren sich eBooks nicht besonders und da es sich hier um ein Testprojekt handelt kann man nicht von horrenden Einnahmen aus dem Verkauf ausgehen, da man einen Lockpreis von max. 1,98€ ansetzen kann. Zu klären wäre also, ob man einen finanzkräftigen Verlag als Patronen gewinnen kann, da sicherlich Vorabkosten entstehen, spätestens, wenn der Autor im Voraus bezahlt werden muss. Realistischer ist jedoch ein Crowdfunding was einem solchen Projekt sicher auch förderlicher wäre, weil man so mit der Finanzierung auch gleich Marketingaufgaben abdeckt. Ein Vorbild ist hier das startnext-Projekt.
9. Variationen oder Folgeprojekte
Je nachdem wie sich das Marketing gestaltet und welche Interessenten, sich an dem Projekt beteiligen, kann man einen solchen Text auch unter eine Creative Commons Lizenz stellen und die Höhepunkte wieder als Entscheidungen konzipieren, so dass interessierte Leser und andere Autoren dort anknüpfen können und die Erzählung so zu einem entscheidungsgestützten Fortsetzungsroman wird.
Man macht die Konzeption des Szenarios auch im Vorfeld öffentlich machen, so dass Interessenten das Handlungsumfeld mitbestimmen können (Technische Realisierung über ein MediaWiki, siehe Owesys), dieses kann im Erfolgsfall als Basis für eine Vernetzte Erzählungsreihe oder eine Romanserie genutzt werden. Hier könnten dann alternative Vertirebsmodelle wie Romanabos oder Updatekäufe getestet werden.
Auch eine multimediale Ausarbeitung der anderen Art im Stil der Lizzie Bennet Diaries wäre möglich. Technisch würde ich hier auf QR-Codes oder Passwörter zurückgreifen, um auch den eInk Lesern einen leichten Zugang zu den zusätzlichen Webinhalten zu ermöglichen, ohne dass das Material selbst im eBook enthalten sein muss.
10. Aufruf zur Cooperation!
Soviel von meiner Seite, nun seid Ihr, liebe Leser und Interessenten, gefragt. Wo seht ihr Schwachstellen? Was würdet ihr noch ergänzen? Könnt ihr Hilfe anbieten? Vor allem für eine Weiterverbreitung dieses Artikels wäre ich sehr dankbar. Aber auch jegliche Meinungsäußerung ist allgemein immer und hier besonders erwünscht.
am 28. Februar 2013 von ^tg
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