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Tolino – Ein Lichtschimmer in der Finsternis

Lange habe ich überlegt, ob ich ein Fragezeichen hinter die Überschrift setzen soll, aber ich WILL, dass Tolino funktioniert. Ein europäisches Produkt, von europäischen Firmen, für den europäischen Markt. Klar, es passt mir nicht, dass die Telekom die Finger im Spiel hat, aber seien wir ehrlich, einen anderen Partner gibt es für eine solche Größenordnung auch nicht, also Augen zu und durch.

Zum Gerät

Bisher habe ich nur die Werbung, doch da verspricht der tolino shine nichts spektakuläres. Kein Wort über Medienwiedergabe oder Vorlesefunktion, das stärkste Argument ist die Silbentrennung, beim aktuellen Stand der Dinge nicht zu vernachlässigen, aber jetzt nicht gerade revolutionär. Eigentlich ist die Werbung eher enttäuschend, denn der Amazon-Konkurrent setzt auf das Argument “Ist doch das gleiche” und liefert eine Touchscreen-Bedienung mit nur einem einzigen mechanischen Knopf.

Ein gravierender Denkfehler, denn ein durchschnittlicher Leser schafft 200 bis 300 Wörter pro Minute bei durchschnittlichen Seiten auf einem eReader blättert er also 1,5 Mal pro Minute, dafür muss er bei dieser Bedienung entweder ständig die zweite Hand heben, oder das Gerät loslassen, da wir beim Lesen den Touchscreen steuernden Daumen zum festhalten brauchen, da das Gerät durch seine Größe nicht auf der Handfläche liegen bleibt, wie bei einem Smartphone. Da sind seitliche Tasten mit ausreichend Widerstand deutlich praktischer.

Doch die Software basiert auf einem Android-System, es ist also potenziell möglich das Gerät für die Entwicklercommunity zu öffnen und somit den Funktionsumfang zu erweitern.

Zum Medienformat

ePUB! SEHR vernünftig! Mehr kann man nicht sagen, wie der Austausch der gekauften Medien zwischen unterschiedlichen Geräten wirklich aussehen wird, entscheidet sich am DRM, aber mit ePUB als Medienformat und der TelekomCloud als shopunabhängiger Speicherebene sind die Weichen für mehr Freiheit bei den Endbenutzern gestellt.

Zum Medienangebot

300.000 deutschsprachige Bücher, zur Verfügung gestellt von den Projektpartnern Thalia, Weltbild, Hugendubel und Bertelsmann Club, das ist aktuell nicht viel und ob es sich wirklich durchsetzt, ist von dem noch zu kommenden  Selfpublisher-Portal anhängig, denn die Vielfalt, mit der Amazon aktuell punktet, kommt eher nicht von den Verlagen, sondern aus der Community.

Fazit

Ich setze meine Hoffnung in das Gerät und vor allem in das Shopsystem dahinter. Aber bislang ist es nur die Option auf eine Alternative und keine wirkliche Revolution des Marktes.

Links

Tolino shine bei thalia.de

Tolino Shine: Deutscher Kindle-Rivale bei Heise.de

Deutscher Kindle-Killer soll Amazon ausbremsen bei focus.de

Tolino Shine im Kurz-Test bei lesen.net

Tolino shine: Vorteile und Nachteile im Vergleich zu Amazons Kindle eReadern bei ebooks-autoren.de

am 4. März 2013 von ^tg

Ein Buch mal ganz anders

Seit der Pleite mit “Glanz” lässt es mich nicht los: Es muss doch machbar sein, ein ANDERES eBook zu machen, etwas, was gedruckt gar nicht geht und das wirklich beeindruckt.  Ausprobiert wurde ja schon das eine oder andere, z.B. war “Schandweib” von Claudia Weiss in der multimedialen Aufarbeitung sehr beeindruckend, doch all die Videos und Audiodateien bleiben doch nur eine Beigabe zum klassischen Text, und da war Stefan Krückens Schnapsidee irgendwie origineller.

Aber genug gejammert – legen wir los: Mein Favorit wäre ein Entscheidungsroman. Oder eher eine Entscheidungserzählung, auf Romanlänge müsste man zu viele Entscheidungspunkte setzen, damit die Interaktion auch wirklich wahrgenommen wird, was wiederum zu viele Abzweigungen erzeugen würde und für ein erstes Experiment zu viel Aufwand bedeuten würde.

1. Grober Aufbau

entscheidungsroman_0 Man beginne mit einer klassischen Einleitung, in der der Leser einen Überblick über Figuren und Szenario erhält, beides sollte begrenzt sein, aber das diktiert ja schon die Erzählung. Diese Einleitung führt uns nun zu einer Entscheidung, zu einer echten Entscheidung, einer essenziellen Entscheidung, so einer, die alles ändert. Wir geben zwei Entscheidungsmöglichkeiten vor, sie müssen gleichwertig sein, doch zu unterschiedlichen Ereignisketten führen. Die Erzählung wird klassisch fortgesetzt bis jeder Strang wieder zu einer Entscheidung führt mit der genauso verfahren wird, wie mit der ersten. Die vier, daraus resultierenden Verläufe, führen nun zu vier unterschiedlichen Höhepunkten.

2. Entscheidungstiefe

Die vom Leser getroffene Entscheidung muss sich merklich in der weiteren Handlung der Erzählung widerspiegeln und es darf keine richtige oder falsche Entscheidung geben. An dieser Stelle möchte ich auf mein absolut liebstes Computerspiel verweisen – Dragon Age: Origins. Rollenspiele dieser Art sind Meister der unmöglichen Entscheidungen. In einem “Kapitel” muss man entscheiden, wem man die Krone auf den Kopf setzt, zur Wahl steht der als Erbe eingesetzte Berater des alten Königs – ein alter, vernünftiger und guter Mann, der vom Volk geliebt wird – und der jüngste Sohn des alten Königs, der seine Geschwister tötete und daher von seinem Vater als Erbe abgesetzt worden ist – ein junger Mann, der sich auf die Macht und Gewalt verlässt, das Volk fürchtet ihn, genauso wie der Adel. Zuerst scheint die Entscheidung einfach, doch im Verlauf des Spiels stellt sich heraus, dass der Berater sich nicht gegen den Adel durchsetzen kann und es unter seiner Regentschaft zu unzähligen Intrigen, wenn nicht sogar zum Bürgerkrieg kommen könnte. Der jüngste Sohn hingegen mag zwar grausam sein, doch er setzt seine Macht nicht nur gegen das Volk, sonder auch gegen die intriganten Adelshäuser ein und ist ein hervorragender Militärstratege, der das Land nicht nur innerpolitisch stabilisieren würde, sondern auch externe Feinde auf Abstand halten würde. Was also tun? Den Tyrannen auf den Thron setzen, um den Landesfrieden zu sichern, oder den guten König wählen und Bürgerkrieg riskieren? DAS sind Entscheidungen, die in eine Entscheidungserzählung hineingehören, nicht die Frage ob man nach links oder nach rechts geht!

3. Storykonzept

Für die bisherigen Punkte war es egal, ob man einen Krimi oder eine Romanze schreibt, doch um zu wissen, wie man die nötige Entscheidungstiefe erreicht, muss nun entscheiden, auf welcher Ebene sich die aus der Entscheidung resultierenden Konsequenzen entwickeln sollen. Bei einer Erzählung hat man im Grunde nur zwei Möglichkeiten: entweder man destabilisiert durch die Entscheidungen das Szenario und erzeugt so Handlungsdynamik oder man destabilisiert den Hauptcharakter und erzeugt emotionale Tiefe in der Charakterentwicklung. Zieht man hier die unter Punkt 2 gemachte Bedingung der Gleichwertigkeit der Entscheidungsmöglichkeiten hinzu, wird sich herausstellen, dass bestimmte Genres wie z.B. der Krimi wegfallen. Da es bei einem Krimi darum geht, dass der Täter gefunden wird, wären die Optionen für die angestrebten vier gleichwertigen Höhepunkte sehr eingeschränkt: Wird der Täter in allen vier Fällen erwischt werden die gemachten Entscheidungen irrelevant, gibt es nur in einem Finale eine Falllösung wären die Höhepunkte nicht mehr gleichwertig. Andere Genres erhalten einschränkende Elemente, so braucht eine Liebesgeschichte zumindest drei Protagonisten, damit keine Entscheidungskette durch das einzige Happy End als die “richtige” bezeichnet werden kann. Die meisten Möglichkeiten für eine Entscheidungserzählung bieten sicherlich die Bereiche Abenteuer und die Fantastik, da man hier die Höhepunkte stark variieren kann. Wichtig ist zwar, dass die einzelnen Ereignisketten in der Spannung und Relevanz gleichwertig sind, das heißt aber nicht, dass sie die selben Ereignisse beschreiben müssen. Entscheidet sich die Hauptfigur in einer Romanze z.B. dafür, den ermüdenden Kampf um einen Potenziellen zu beenden, kann dieser Partner in diesem Strang tatsächlich wegfallen und ggf. durch eine neue Figur ersetzt werden, die in dem Strang in dem die Hauptfigur weiterkämpft gar nicht oder nur sehr marginal auftaucht.

4. Das Vorgehen des Autors

Der Autor muss bei einem solchen Projekt stärker chronologisch Arbeiten als beim klassischen Roman, jedoch kann er seine Arbeit stärker strukturieren. Es empfiehlt sich zuerst ein handlungsunabhängiges Szenario zu schaffen, das ausreichend Platz für vier unterschiedliche Geschichten bietet. Dann folgt das Konzept der Hauptfigur, die auf eine ausreichende Komplexität und vor allem Flexibilität geprüft werden muss. Ein sturer Idealist oder ein spießiger Bürokrat würden ihre Werte zu stark auf den Leser übertragen und so ggf. gebotene Optionen ausschließen, weil der Leser das Gefühl hätte seine Entscheidung würde gegen dem Charakter der Figur widersprechen. Konzipiert wird nun jeder Textabschnitt einzeln. Also vom Anfang bis zur ersten Entscheidungspunkt (Textpassage 1 im Diagramm) Diesen Text kann man als eigene Teilerzählung konzipieren, die den Charakter in eine Entscheidungskriese führt, das Ende sollte einerseits als Abschluss befriedigend sein, andererseits als Cliffhanger zum Weiterlesen animieren. Nun sollte man mit dem Textabschnitt 2 weitermachen und genauso vorgehen, wie bei 1. Es könnte empfehlenswert sein, vor dem Abschnitt 2 die Abschnitte 3 und 4 zu schreiben, da durch die Segmentierung des Gesamttextes die Gefahr besteht, dass die einzelnen Segmente nicht nahtlos ineinander übergehen und so der Textfluss bei einem geraden Lesedurchgang gestört wird.

5. Der Plural von Finale

Durch die Entscheidungspunkte verändert sich das Leseverhalten. An jedem Entscheidungspunkt reflektiert der Leser den Text, weil er zum innehalten und Nachdenken gezwungen wird. Er liest im Idealfall also bewusster als dies bei einem spannungsgetirebenem linearen Text der Fall wäre. Das heißt, dass auch unscheinbare Hinweise auf ein mögliches Finale eher bemerkt und berücksichtigt werden, dadurch besteht vier mal die Herausforderung darin ein Finale zu schaffen, das einerseits auf den gemachten Entscheidungen basiert, andererseits aber auch nicht vorhergesehen werden kann. Auch hier kann ich ein Vorbild anbringen, den Drehbuchautor und Regisseur Joss Whedon und hier besonders seine Handlungswendungen aus Serenity, Dr. Horrible’s Sing-Along Blog und The Cabin in the Woods. Fordert man den Leser durch die Form auf mehr zu denken, muss man für ein befriedigendes Finale besonders viel Ideenreichtum aufbringen.

6. Technische Umsetzung

Die technische Umsetzung in einem ePUB ist denkbar einfach. Man hebelt die Reihenfolge der Textabschnitte durch ein unvollständiges <spine> im content.opf aus, die Frage die hier noch zu beantworten wäre, ist, wie viele Angaben von den einzelnen Shops verlangt werden, der ePUB-Standard verlangt hier keine vollständigkeit und auch die Shops lassen sich nach meinem aktuellen Stand mit einer Auflistung von mehr als einem Punkt täuschen, da eine Vollständigkeit nicht automatisch überprüft werden kann. Der Effekt bestünde darin, dass nach jedem Textabschnitt sozusagen das “Ende” des Dokuments erreicht wäre und ein Weiterlesen nur mit einer Linkanwahl möglich ist. Auch zu prüfen wäre, ob einzelne Apps oder Geräte auf ein Dokumentenende unerwünscht reagieren. Die Verlinkung findet direkt im Text statt, so dass kein Navigationstext anfällt, dieser Aspekt muss vom Autor bedacht werden! So muss jeder Abschnitt mit einer Textzeile dieser Art abgeschlossen werden: Die Zeit lief mir davon, sollte ich fliehen oder die Herausforderung annehmen? Erklärende Paratexte können beliebig um die Erzählung herum angeordnet werden.

7. Realisierung eines Testprojekts

Ein eBook auf den Markt zu bringen ist jetzt nicht so der Akt. Man braucht einen Autor, einen Lektor, einen Hersteller und einen Vertrieb. Wenn ich mein eigenes, bescheidenes Netzwerk abklappere, bin ich mir sicher im Bereich  Vertrieb auf die Erfahrungen der Häuser Posth und Frohmann zurückgreifen zu können. Die Herstellung und technische und konzeptionelle Betreuung kann type:area selbst übernehmen, Freiberufliche Lektoren gibt es reichlich und ich bilde mir ein, bei dem einen oder anderen einen Sonderpreis rausschlagen zu können – was Freiwillige, die aus Interesse am Projekt in Vorleitung treten würden, nicht daran hindern soll jetzt Laut zu geben! Bleibt die Frage nach einem Autor, auch hier wird es sicher möglich sein einen zu engagieren, doch nach welchen Kriterien? Ich lasse die Frage noch mal offen.

8. Finanzierung

Im allgemeinen rentieren sich eBooks nicht besonders und da es sich hier um ein Testprojekt handelt kann man nicht von horrenden Einnahmen aus dem Verkauf ausgehen, da man einen Lockpreis von max. 1,98€ ansetzen kann. Zu klären wäre also, ob man einen finanzkräftigen Verlag als Patronen gewinnen kann, da sicherlich Vorabkosten entstehen, spätestens, wenn der Autor im Voraus bezahlt werden muss. Realistischer ist jedoch ein Crowdfunding was einem solchen Projekt sicher auch förderlicher wäre, weil man so mit der Finanzierung auch gleich Marketingaufgaben abdeckt. Ein Vorbild ist hier das startnext-Projekt.

9. Variationen oder Folgeprojekte

Je nachdem wie sich das Marketing gestaltet und welche Interessenten, sich an dem Projekt beteiligen, kann man einen solchen Text auch unter eine Creative Commons Lizenz stellen und die Höhepunkte wieder als Entscheidungen konzipieren, so dass interessierte Leser und andere Autoren dort anknüpfen können und die Erzählung so zu einem entscheidungsgestützten Fortsetzungsroman wird.

Man macht die Konzeption des Szenarios auch im Vorfeld öffentlich machen, so dass Interessenten das Handlungsumfeld mitbestimmen können (Technische Realisierung über ein MediaWiki, siehe Owesys), dieses kann im Erfolgsfall als Basis für eine Vernetzte Erzählungsreihe oder eine Romanserie genutzt werden. Hier könnten dann alternative Vertirebsmodelle wie Romanabos oder Updatekäufe getestet werden.

Auch eine multimediale Ausarbeitung der anderen Art im Stil der Lizzie Bennet Diaries wäre möglich. Technisch würde ich hier auf QR-Codes oder Passwörter zurückgreifen, um auch den eInk Lesern einen leichten Zugang zu den zusätzlichen Webinhalten zu ermöglichen, ohne dass das Material selbst im eBook enthalten sein muss.

10. Aufruf zur Cooperation!

Soviel von meiner Seite, nun seid Ihr, liebe Leser und Interessenten, gefragt. Wo seht ihr Schwachstellen? Was würdet ihr noch ergänzen? Könnt ihr Hilfe anbieten? Vor allem für eine Weiterverbreitung dieses Artikels wäre ich sehr dankbar. Aber auch jegliche Meinungsäußerung ist allgemein immer und hier besonders erwünscht.

am 28. Februar 2013 von ^tg

Buchkritik: Glanz von Karl Olsberg – interaktives eBook

Ja, das ist die Zukunft. eBooks die durch die Verlinkung die Linearität ihrer gedruckten Vorbilder verlassen und so zum neuen Medium werden. Doch “Glanz” von Karl Olsberg ist inhaltlich leider nur ein trüber Schatten dessen was möglich ist und technisch nur ein ängstlicher Kompromiss mit dem eigentlichen Roman. Beides klare Gründe, wieso sich der Erfolg des interaktiven eBooks so in Grenzen hält.

Aber beginnen wir am Anfang: Das interaktive eBook kostet 7,99 € und ist auf allen gängigen Plattformen erhältlich, da es keine multimediale Aufarbeitung enthält, ist auch die Wiedergabe auf allen eReadern und in allen Apps möglich.

“Schlägt” man das eBook auf, findet man direkt nach dem Cover zwei Grafiken mit Links die zur linearen Buchversion oder der interaktiven Version führen, nach diesem Klick beginnt das Buch mit Cover und Titelei von Neuem. In der Buchversion steigt der Leser mit Kapitel eins ein, in der interaktiven Version startet man mit einem Traumszenario als Prolog, in dem die Art der Interaktion eingeführt wird. Die interaktiven Parts sind im Gegensatz zur Buchversion und den nicht interaktiven Kapiteln in der Gegenwartsform geschrieben, was sich sehr ungewohnt und später durch die wiederholten Wechsel in das gewohnte Präteritum einfach nur falsch anfühlt. Die Entscheidungen die man im Prolog treffen kann sind nicht sehr spektakulär und stark an klassische Rollenspiele angelehnt. Zuerst kann man sich entscheiden wohin man geht, doch jede Entscheidung bringt einem nur einige Seiten trockene Ortsbeschreibung und führt die Hauptfigur unausweichlich in die Konfrontation mit dem verstorbenen Vater. Nun bekommt man Dialogoptionen, doch egal in welcher Reihenfolge man was fragt, es läuft auf die Warnung hinaus, dass man aufwachen solle. Das tut die Hauptfigur dann auch und man liest im Kapitel eins weiter. Dieses Kapitel entspricht nun wieder der klassischen Buchversion und besteht aus linearem Text, der über fünf Kapitel weiter geht, erst im sechsten Kapitel beginnt wieder das Interaktive und zwar wieder in einem Traumszenario. Die Entscheidungen beginnen hier mit dem Klassiker: Wohin gehen sie? Norden, Süden, Westen, Osten. Doch auch hier ist die getroffene Entscheidung irrelevant, denn entweder zwingt der Text einen zur Umkehr oder führt in ein beliebiges Martyrium, aus dem der Charakter nur die Erkenntnis mitnimmt, dass es die genommene Droge funktioniert und die aufgesuchte Gedankenwelt gefährlich ist. Viel mehr dürfen die Entscheidungen auch nicht bewirken, denn ePUB 2 bietet keine Möglichkeit temporäre Informationen zu speichern und weiter geht es immer mit Kapitel sieben, dem selben, das auch der Leser der Papierausgabe lesen würde.

An dieser Stelle, nach kaum einem Viertel des Buches, lege ich das iPhone enttäuscht weg und beginne diesen Artikel zu schreiben.

Die ersten sieben Kapitel haben mich durch nichts überzeugt: Der Stil ist trocken und banal, das Szenario schrecklich begrenzt, die Charaktere mehr als eindimensional, die Interaktivität eine billige Illusion und keine tatsächliche Interaktion.

Soviel zur Kritik, doch die Frage ist jetzt, wie kann man es besser machen?

Arbeitet man mit dem Konzept der Entscheidung hat man im Grunde zwei Möglichkeiten:

1. Das klassische Spielbuch.

Ein Spielbuch zu konzeptionieren und zu schreiben ist schwierig und auch hier greifen viele Autoren auf Pseudo-Entscheidungen, die dem Leser nur einige Seiten mehr Text liefern, aber doch wieder zu einem Punkt führen die man durch eine andere Entscheidung direkt erreicht hätte. Spielbücher zeichnen sich durch viele Entscheidungen aus, die jedoch nur wenige tatsächliche Veränderungen bewirken, da man bei der Höhen Anzahl von Abzweigungen nicht jede beliebige Kombination im Voraus planen kann. Trotzdem verzweigen sich die besseren dieser Bücher irgendwann und führen zu verschiedenen Endzuständen. Dass solche Bücher keine wirklich tiefe Charakterentwicklung liefern können ist klar und der Leser prägt nicht direkt die Handlung sondern nur den Weg über den sich die Handlung präsentiert.

Für die klassischen Spielbücher ist das eBook das bessere Medium, den in gedruckter Version sind sie durch das ständige rumblättern zu unhandlich, doch ein wirklich neues Medium sind sie nicht. Das Leseerlebnis ist für Fans von Romanen eher unbefriedigend und sie sind im Stil und Inhalt begrenzt.

2. Ein Abzweigungsroman

Das Prinzip ist recht simpel, eine Geschichte die mehrere Wendepunkte enthält und diesen Wendepunkten entsprechend viele Endpunkte erreicht. Das heißt, habe ich zwei Wendepunkte, braucht die Geschichte vier Endpunkte, bei drei Wendepunkten sind es schon acht unterschiedliche Ausgänge und so weiter. Ich habe in der bisherigen Literatur kein Beispiel für etwas derartiges gefunden, wobei ich zugeben muss, auch nicht zu wissen wie man hier suchen sollte.

Einen solchen Roman zu schrieben wäre nicht gerade schwierig, aber mühsam und aufwändig, weil man ihn vier, acht oder gar sechzehn mal schreiben müsste. Trotzdem wäre so ein Buch eine echte Interaktion! Die Entscheidungen die der Leser trifft, könnte hier tatsächlich die Ereignisse verändern. Ob der Held einen Schurken tötet oder Gnade wallten lässt, ob man die Gelegenheit ergreift und der großen Liebe eben diese gesteht, oder ob man kneift und stumm zusieht wie man sie verliert, solche Entscheidungen verändern die Handlung, sie verändern die Figuren, sie geben dem Leser wahre Macht. Das Leseerlebnis verändert sich, wenn man feststellt, dass der Held, für den man doch immer nur die besten Entscheidungen getroffen hatte trotzdem unausweichlich in die Dunkelheit gezogen wird, indem man erkennt, das das was man für so klar und logisch gehalten hatte doch so falsch und verworren war. Der Leser kann sich der Verantwortung für seine Meinung nicht mehr entziehen, die Erkenntnis des Helden trifft den Leser ohne ihm die ausrede zu lassen, dass er es ja anders gemacht hätte.

Ein spannendes Konzept, das sicher auch nicht DAS neue Medium sein wird, aber einem solchen garantiert näher kommt, als halbgare Kompromisse wie “Glanz”.

 

am 26. Februar 2013 von ^tg

Nicht Nebenprodukt, sondern neues Medium

[...]

Mit eBooks und Büchern ist es wie mit der ersten Kamera und dem Theater. Die Erfindung des Films wurde als unnötiges und minderwertiges Nebenprodukt angesehen, solange man damit nur Theaterstücke abfilmte. Erst mit der Erfindung der Schuss-Gegenschuss-Aufnahme wurde dem Zuschauer im Kino etwas geliefert, was das Theater nie konnte, nämlich der direkte Blick ins Gesicht des sprechenden Schauspielers und damit erwarb sich der Film seine Daseinsberechtigung. Dieser Schritt, die Einführung einer Technik, die vom Buch nicht nachgebildet werden kann und auch keinem anderen Medium eigen ist, fehlt dem eBook noch. Und er liegt nicht in der Aufstockung mit Ton und Bild, sondern in der Neukonzeption des Textes weg vom linearen Buch hin zum Hypertext und dies ist eben nicht bei jedem Text auf die selbe Art und Weise möglich.

[...]

am 18. Februar 2013 von ^tg

Dumme Apps

Ein kleiner Erfahrungsbericht aus der Praxis. Ich baue gerade einen etwas anspruchsvollen Sammelband. Die einzelnen Aufsätze beginnen mit einen Teaser und haben natürlich einen Autor und dieser wird am Ende des Artikels mit Bild und einem kleinen Text vorgestellt. Bei so vielen Elementen ist es wichtig, diese ansprechend zu gestalten. Ich bin da keineswegs anspruchsvoll, [...]

am 27. November 2012 von ^tg

Mein Rechner steht im Bücherregal

Auf Zeit Online erschien ein Dialog zwischen Juli Zeh (Autorin), Michael Krüger (Verleger Hanser-Verlag) und Helge Malchow (Chef KiWi-Verlag), ich begann die Lektüre beim Frühstück und beendete sie kopfschüttelnd vor dem Rechner. Hier ein paar völlig persönliche und spontane Kommentare zu einigen der Aussagen. Malchow: …wie wir diese Inhalte auf den modernen Wegen, die sich [...]

am 26. November 2012 von ^tg

LaTeX – Text Vertikal plazieren

Im Allgemeinen richtet LaTeX den Text auch in der Vertikalen automatisch und gut aus. Doch jedes Dokument hat seine Eigenarten und diese möchte man manchmal einfach schnell lokal beheben. Doch hier muss man oft gegen das System arbeiten. Das Konzept von LaTeX ist es ja, dass man Steuerelemente in den Text stetzt, die je nach [...]

am 12. November 2012 von ^tg

Metadaten in der content.opf

Im .epub können an verschiedenen Ecken Metadaten untergebracht werden, die wichtigsten befinden sich jedoch in der content.opf, leider tragen die wenigsten Editoren diese Infos ein, oder die benötigten Masken gehen in der Oberfläche unter. Daher hier eine kleine Übersicht, über die Möglichkeiten die einem das Dublin Core Metadata Element Set im .epub-Dokument bietet. Hier der Metakopf [...]

am 9. November 2012 von ^tg

Indexerstellung mit LaTeX

LaTeX ist wie Kinder kriegen … Nein, ich führe diesen Vergleich nicht weiter aus, denkt Euch euren Teil, aber jetzt kann type:area eine Sache mehr, nämlich Indizieren.  Verwendete Pakete \usepackage{makeidx} makeidx stellt die nötigen Befehle zur Verfügung um den Text mit Indexmarken zu versehen und die Einträge zu steuern. \usepackage[hangindent=1em,justific=RaggedRight]{idxlayout} Mit idxlayout gestaltet man die [...]

am 7. November 2012 von ^tg

Schöne eBooks?

Auf heise.de wurde das Thema wieder einmal aufgegriffen: Wieso sind eBooks nicht so schön wie sie sein könnten? Hier zwei mögliche Antworten. 1. Weil eBooks momentan Nebenprodukte des Prints sind. Die meisten Verlage produzieren nun mal gedruckte Bücher. Ihre Produktionsstrecke ist auf eine Druckvorstufe im PDF-Format ausgelegt und ist daher auch mit Qualitätskontrollen versehen, die auf [...]

am 5. November 2012 von ^tg